[:de]Birnen ernten in Australien ist harte Arbeit[:]

[:de]Work and Travel in Australien. Das bedeutet ein Jahr Zeit, um durch Australien zu reisen. Das bedeutet aber auch das du während eines Jahres viel Geld für Auto, Benzin, Essen, Unterkunft, Ausflüge und anderes Zeug brauchst. Die Wahrscheinlichkeit ist also groß, dass das Geld bald knapp wird. Wahrscheinlich merkst du auch bald, wie groß Australien wirklich ist und du länger als ein Jahr bleiben willst.

Arbeiten darfst du mit dem Visa und damit ist zumindest das Geldproblem lösbar. Für das länger bleiben hat sich die australische Regierung eine Lösung ausgedacht, die den Mangel an „willigen“ Arbeitern für abgelegene Gebiete verringern soll. Sie sagt nämlich, wenn du als Work-and-Traveller ca. 3 Monate in einer abgelegenen Region zum Beispiel auf einer Farm arbeitest, dass du dann ein weiteres Working Holiday Visum beantragen kannst. 2 Jahre Work and Travel! Yeah!

Maria streckt sich in einem Meer von Birnenbäumen, um auch ja keine Birnen hängen zu lassen.

Gutes oder schlechtes Angebot?

Micha und ich sind uns etwas uneinig, wie man dieses Angebot sehen kann. Micha sagt, und das ist auch wahr, dass es super ist, dass wir überhaupt so einfach die Möglichkeit bekommen in Australien zu arbeiten und so lange Zeit zu verbringen. Die Arbeit bei der Ernte ist seiner Meinung nach eine Win-Win-Situation, weil die Bauern Arbeitskräfte in Hülle und Fülle bekommen und die Backpacker mit der Farmarbeit etwas Geld für die Zeit in Australien verdienen können.

Ich bin auch dankbar dafür, dass wir so unsere Reisekasse einfach aufbessern können. Jedoch sehe ich auch, dass die Regierung mit der Einschränkung auf hauptsächlich Farmarbeit für das 2. Visum den Arbeitsmarkt erheblich zu Gunsten der Bauern dreht und Obst- und Gemüsepreise beeinflusst. Das Problem dabei ist, dass es eine Situation erschafft, bei der Backpacker einfach ausgenutzt werden können. Die einzige Möglichkeit für uns länger zu bleiben, ist diese Farmarbeit. Das heißt wir sind gezwungen entweder die Bedingungen, die auf der Farm herrschen zu akzeptieren oder eben früher als man will nach Hause zu fahren. Das wollen viele nicht, also machen sie eine Unterbringung in schäbigen Baracken, 10-12 Stunden/6-7-Tage-Wochen – gelegentlich aber auch nur 4 Stunden jeden 2-3. Tag, eine wechselhafte Bezahlung (unterirdisch über Mindestlohn bis ganz gut) und teilweise die Behandlung wie Menschen zweiter Klasse mit. Das hängt alles sehr von dem Bauern, den Früchten, dem Wetter und der Art der Arbeit ab, aber möglich ist alles.

Unser Boss fährt seinen Hund Gassi.

Unskilled Professionals in Australien

Und so kommt es, dass sich auf der Farm, auf der wir im Februar gearbeitet und gewohnt haben, sowohl Schulabgänger, Studenten, als auch ehemalige Softwareentwickler (Micha war nicht der einzige ;)) und Kletterlehrer aus ganz Europa wiederfinden, um Birnen, Pfirsiche und Äpfel zu pflücken. Wir nennen uns „Unskilled Professionals“, weil wir ja eigentlich was können, aber eben Arbeit machen, für die man eigentlich nichts können muss. Tatsächlich ist es bei der Ernte sogar möglich auch ohne Studium im Monat mehr zu verdienen als in so manchem Job mit Studium in Deutschland.

Während der Ernte wohnen wir auf der Obstfarm zusammen mit vielen Franzosen, ein paar Deutschen, Belgiern, Norwegern, Polen, Kanadiern, Chinesen und Taiwanern. Aber es fühlt sich eher an wie in einer französischen Jugendherberge. Die meisten sind anfang zwanzig oder jünger, haben wenig Geld und wollen noch ein Jahr länger in Australien bleiben. Die Arbeit ist nicht sonderlich beliebt, das Geld zu wenig, aber zum Glück kann man jeden Tag Party machen. Das Bier nach der Arbeit hat sich schon etabliert. Es ist nicht nur eine Angewohnheit der älteren Herren, das fängt früh an und schließt auch die Frauen nicht aus. Micha und ich trinken ja fast nichts mehr. Deswegen fühlen wir uns öfter in so einer großen Gruppe ein bisschen fehl am Platz. Doch wir verstehen uns ganz gut mit ein paar Leuten, die dem Trinken auch nicht so viel abgewinnen können und so freuen wir uns nach der Arbeit bei einer Schüssel Cornflakes auf einen Plausch mit den anderen. Manchmal verabreden wir uns zum gemeinsamen Abendessen, bei dem jeder etwas zum Buffet beiträgt. Die Franzosen sind ja alle Feinschmecker, da kommen Fertignudeln nur im äußersten Notfall oder bei den sehr faulen Zeitgenossen auf den Tisch. Außerdem gibt es hier ungewöhnlich viele Vegetarier, da kamen auch unsere Bratkartoffeln gut an 🙂

Jeder hat sich den Teller am Buffet vollgeladen und endlich wird geschlemmt.

Die Situation ist, wie sie ist

Irgendwie verbindet uns alle die Situation, in der wir uns jeden Tag wiederfinden. Jeder braucht Geld, für alle ist die Arbeit hart und der Körper tut weh. Noch dazu kommt der Eindruck auf, dass wir Arbeiter für den Farmer nur Erntemaschinen zu sein scheinen und entsprechend behandelt werden. So traurig das insgesamt ist, so gut funktioniert das eben auch als sozialer Klebstoff. Aber was sollen wir machen, wenn wir seit einer Woche wie auf einer Müllhalde leben, weil der Müllcontainer überquillt, alles in die Gegend geweht wird, weil der Chef sich immer noch nicht um die Abholung gekümmert hat?
Das Posititve ist, wir haben warme Duschen, genügend Platz in den Kühlräumen für unser Gemüse und genügend Gaskochstellen für die ca. 40 Leute, die mit uns hier in sehr einfach „ausgestatten“ Räumen leben (wir haben ein Bett, Vorhänge und eine Deckenlampe).

So viel zum Thema, wie dich sind die Türen. Es sind eben Barracken in Australien in denen wir untergebracht sind.

Von „unskilled professionals“ zu „professional unskilled“

Nach drei Wochen Leitern auf und ab klettern mit bis zu 20 kg schweren Säcken voller Birnen merken wir deutlich, wie unser Körper kräftiger geworden ist. Bei mir haben sich deutlich Oberarmmuskeln gebildet und die Beine sind auch kräftiger geworden. Unser Rücken hält immer mehr aus und die Ausdauer ist besser geworden seit dem Anfang. Das alles führt dazu, dass wir mit konstanter Geschwindigkeit die Birnen ernten können, am Abend nicht mehr komplett geschafft sind, erst um zehn ins Bett fallen und an guten Tagen sogar mal schneller sind.

Maria lacht neben 2 vollen Kisten, das kann nur bedeuten, dass das die letzten für den Tag sind ;)

So gesehen, kann ich nicht wirklich sagen, dass man für diese Arbeit nichts können muss. Jeder, der neu dazu kommt, hat es schwer an die Leistung der anderen ran zu kommen, die die Anstrengung schon länger gewöhnt sind. Dazu kommt, dass wir schon viele Möglichkeiten ausprobiert haben, wie wir die Leiter richtig stellen können oder die Birnen am besten anfassen, sodass sie leicht abgehen. Dass Handschuhe unerwartet gute Helfer sind, um nicht total zerstörte Hände oder zerkratze Handgelenke zu bekommen, wird uns auch erst nach ein paar schmerzhaften Tagen klar.

Es gibt also einen erheblichen Unterschied zwischen absoluten Neulingen und Leuten, die schon 1-2 Wochen da sind. Trotz aller Tricks und Verbesserungen, die wir uns überlegt haben, gibt es aber in der Gruppe auch nach einem Monat noch deutliche Unterschiede im täglichen Ergebnis. Ein Beispiel: Viele unserer „Kollegen“ machen 3 Container am Tag, Micha und ich füllen an einem Tag im Durchschnitt jeweils 5 Container mit Birnen. Max, der in Kananda schon Kirschen gepflückt hat, macht dagegen aber an einem Tag 8 Container alleine. Dabei macht er jede Stunde 10 Minuten Pause und kifft währenddessen! Nein, wir wissen nicht, ob das wirklich sein Geheimnis ist oder er einfach nur schnell ist.

Solche Birnen lob ich mir, da füllt sich der Sack von ganz alleine.

Ein Plus für die Reisekasse

Dadurch, dass wir uns langsam an die Arbeit gewöhnt haben und ganz gut wissen, wie wir vorgehen müssen, lohnt sich inzwischen das ganze auch für die Reisekasse. Verdienen konnten wir in der letzten Woche jeweils ca. 768 € brutto. Nach Steuern und Unterkunft bleibt jedem von uns noch 600 €. Das macht pro Monat also 2400 €, die wir ausgeben können, wie wir wollen. Nicht schlecht!

Na, schon Lust bekommen nach Australien zum Birnenpflücken zu kommen?
Naja, überleg es dir noch einmal. Die Saison geht nur ein paar Wochen und irgendwie bezahlt dein Körper schon dafür. Im Nachhinein haben wir erst gemerkt wir stark die harte körperliche Arbeit ohne Pausen den Körper ausgelaugt hat. Unsere Finger und Handgelenke haben sich erst nach 2-3 Wochen wieder normal angefühlt. Auf längere Sicht gesehen ist der Bürojob also sicher die bessere Option.

Im letzten Beitrag haben wir schon erzählt, dass wir im Gegensatz zu den anderen Backpackern kein 2. Arbeits- und Urlaubsvisum beantragen werden. Immerhin können wir die Farmarbeit von unserer Liste streichen und wissen jetzt aus eigener Erfahrung, was für harte Arbeit das Pflücken ist. Unser finanzielles Ziel haben wir auch erreicht, aber jetzt ist erstmal wieder Zeit für Urlaub! Wir stürzen uns in die schönsten Abschnitte von Victoria – die Grampians und die Great Ocean Road – und danach erkunden wir noch ein wenig Melbourne. Bis jetzt haben wir das halb nomadische Leben also noch nicht satt 🙂

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2 Kommentare

  1. Hallo ihr Lieben,
    könnt ihr mir die Farm weiterempfehlen und die Kontaktdaten geben?
    LG

  2. Susann Meltzer

    Haha sehr witzig. Dort waren wir letzten Monat. Das ist doch in shepparton!? Anstrengend war es und sehr einfach eingerichet;-)

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