Ein Wintermärchen im Ashram – Teil 3

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Ist doch so schön hier …

Zuerst mal zu den absolut wunderbaren Seiten von Ohui. Wir sind an einem wunderschönen Ort. Der Traum-Strand gehört quasi zum Grundstück und ist gerade mal fünf gemütliche Minuten durch die Dünen entfernt. Mal davon abgesehen, dass wir dort jedes Sandkorn für uns alleine haben, bekomme ich ein Surfbrett und sogar einen Neoprenanzug ausgeliehen. Ich kann also direkt von der Veranda aus überprüfen, ob die Wellen gut aussehen und dann einfach zum Surfen direkt runter zum Traumstrand für Surfer gehen. Bessere Lernbedingungen kann man kaum haben.

Surfin in NZ. Der Strand ist 5 Minuten vor der Haustür.

Hier am Ende der Straße von Ohui gibt es nur Natur und Wellenrauschen. Die Hunde und Katzen laufen frei herum, das Wetter ist selbst im neuseeländischen Winter fast immer gut und wenn nicht, gibt es einen Platz vor dem wärmenden Kaminfeuer.

Wir haben nach ein paar Startschwierigkeiten ständig Yoga, so viel sogar, dass wir uns bei der vielen körperlichen Arbeit schon mal überlegen, ob wir überhaupt hingehen. Über die Zeit sehen wir jedoch deutlich wie wir immer stärker und biegsamer werden und ich z. B., untypisch für über 30 ;), wieder mit gestreckten Beinen meine Zehen berühren kann. Wir spielen sogar beide schon mit dem Gedanken, das Ganze noch auszudehnen und eine Yogalehrerausbildung mitzumachen.

Maria macht mitten am Tag vor dem Yoga-Raum einen Halbmond. Buff empfindet das nur als Ablenkung vom Wesentlichen: Kuscheln!

Unsere Arbeits- und Lebensbedingungen sind auch ziemlich gut. Wir können meistens entspannt selbstständig arbeiten, autonom über die Einteilung der Arbeitszeit entscheiden und uns organisieren. Niemand sitzt uns ständig im Nacken. Solange das notwendige Minimum für die Gäste und Abläufe am Wochenende erfüllt wird, ist alles darüber hinaus extra. Es hängt also eigentlich nur von unserem Verständnis von Sorgfalt und Exzellenz ab und da wir (anscheinend) dazu tendieren über das Ziel hinauszuschießen, lassen sie uns gerne einfach machen.

Teezeit im Retreat. Morgens um 10, mit der Kiwi-Tasse natürlich.

Trotz der vergleichsweise höheren Zahl von Arbeitsstunden als normalerweise beim Wwoofing haben wir insgesamt mehr Zeit als wenn wir in unserem Van leben würden. Unsere Aufgaben entwickeln sich über die Zeit auch mehr in die Richtung, dass unsere Kenntnisse zur Geltung kommen und wir uns weiter entfalten können. Siehe dazu Teil 2.

Letztendlich waren das die wichtigsten Gründe, warum wir nicht nur nach den ersten 2 Wochen, sondern auch nach 2 Monaten noch mal auf insgesamt 4,5 Monate verlängert haben. Wir konnten uns einfach keinen besseren Ort vorstellen, der uns das alles bietet, dafür aber weniger Opfer verlangt.

Warum entscheiden wir uns also dann nach Ende Oktober nicht noch länger zu bleiben, um bei der anstehenden einmonatigen Level 2 und 3 Yogalehrerausbildung dabei zu sein oder über die traumhaften Frühlings- und Sommermonate diesen Ort mit mehr mutmaßlich inspirierenden Menschen zu verbringen?

… oder doch nicht?

Schon am Anfang kamen einige Unstimmigkeiten auf und die summierten sich mit der Zeit, bis wir entscheiden, dass sie die schönen Dinge nicht mehr aufwiegen und wir für unser Seelenheil lieber gehen und einen anderen Weg suchen müssen.

Eine Kleinigkeit ist z.B. die Essenssituation. Wir bekommen ausreichend zu essen, vor allem am Wochenende wird für uns gekocht und das auch sehr gut. Über die Woche haben wir da freie Hand, aber weil die Lebensmittel unregelmäßig eingekauft und Wünsche und Einkaufszettel eher vergessen als beachtet werden, ist die Auswahl an Gerichten meistens eingeschränkt. Wer schon mal über Wochen das immer gleiche Essen gegessen hat, wird das Gefühl kennen, das aufkommt, wenn der faule “Koch” vorschlägt doch einfach, wie letzte Woche auch schon, die Reste vom Wochenende aufzutauen. Super lecker Curry und Dal wird ziemlich fad, wenn man wochenlang nur die Auswahl aus Curry oder Dal und zwar frisch oder aufgetaut hat. Wenn sich dann auch noch unsere “Managerin” aus Langeweile jeden Wochentag die Aufgabe des Mittagessens unter den Nagel reißt und eines ihrer uninspirierten drei Gerichte kocht, hängt uns Kochfetischisten das Essen zum Halse raus. Die Hauptaufgabe von Essen ist zwar das “Ernähren”, aber das zu akzeptieren, ist eine Scheißlektion fürs Leben und trägt nicht gerade zur Gesamtzufriedenheit bei.

Diesmal im Sonderangebot, Curry und Dal zur gleichen Zeit. Lecker, aber auf Dauer irgendwann auch fad.

Das zweite ist der Umgang mit uns als Wwoofern bzw. als Teil der Familie. Wir haben uns insgesamt nicht als Aspiranten im Aschram gesehen, wie ich schon im letzten Artikel beschrieben habe. Da wir über die Wwoofing und Freiwilligenarbeit hierher gekommen sind, haben wir auch nicht nur die Erwartung etwas neues zu lernen und mitzuhelfen, sondern wir wollen einen Kulturaustausch. Dazu gehört für uns vor allem näher an die Menschen heran zu wachsen, die uns umgeben und damit natürlich auch ein gegenseitiges Interesse an Gedanken, Gefühlen und Geschichten. Vor allem die Gegenseitigkeit und die Tiefe von Gesprächen hat uns zunehmend gefehlt.

Die Familie war genug mit sich selbst beschäftigt und wenn Gespräche zustande kamen, dann nur, weil wir nachgebohrt haben. Amrit als einzige dauerhafte Mitstreiterin hat deutlich gemacht, dass sie neben ihrer Arbeit als Managerin keinen sozialen Kontakt sucht und deswegen hat jedes Gespräch mit ihr deutlich mehr Energie verbraucht als es gegeben hat. Übrig bleiben da noch die Gäste und die haben bei den kurzen Wochenenden immer reichlich Programm und dadurch genug – sich immer wiederholenden – Gesprächsstoff. Für etwas abseits davon gab es wenig Raum, auch wenn wir manchmal gute kurze Gespräche mit sehr interessanten Menschen hatten.

Mit der Zeit haben wir uns dadurch immer mehr alleine gefühlt, vor allem weil wir in dieser Blase vom Aschram gelebt haben und wenig Zeit zum rauskommen hatten. Da hilft es auch nicht, wenn es so gesehen wird, dass wir super froh sein können überhaupt hier leben und lernen zu können. Kritik stößt auf taube Ohren und wird als Jammern auf hohem Niveau gesehen. Das führt jedoch dazu, dass bei uns der Eindruck zunimmt nur günstige Hilfskräfte zu sein.

Yoga beim Retreat-Wochenende mit Amrit. Trigasana kann doch jeder. Halbwegs. Gut das der Kamin schön warm ist, draußen regnet es mal wieder wie Sau.

Zuletzt war für unsere Entscheidung zu gehen, zusätzlich zum fehlenden Austausch und Interesse, noch etwas anderes ausschlaggebend. Ohui ist als Retreat für die meisten Gäste eine Zuflucht und sie kommen her, weil sie etwas in ihrem Alltag vermissen oder von etwas eine Pause brauchen. Die meisten sagen, dass sie sich einfach mal um sich selbst kümmern wollen, Zeit zum Nachdenken brauchen, Gleichgesinnte treffen und entspannen wollen. Sie kommen also fast immer Freitagnachmittag gespannt her und gehen Sonntag wieder gelassener. Es ist schön, dass es für die Gäste funktioniert und für uns ist es befriedigend zu sehen, dass wir einen Teil dazu beitragen können. Letztendlich haben wir aber bemerkt, dass sie diese Spannung irgendwo lassen müssen und alle, die das Retreat betreuen, wie ein Puffer oder Schwamm dafür sind. Nach dem Wochenende brauchen wir jedes Mal ein paar Tage, um wieder runterzukommen und innerlich ausgeglichen und gelassen zu werden. Im Prinzip ist das eine gute Spielwiese, um für Spannung, Stress und unvorhergesehene Situationen eigene Lösungsstrategien zu entwickeln. Über die Zeit sehen wir aber, dass das alles von uns mehr Energie zehrt als wir in der kurzen Zeit schaffen zu regenerieren. Im Berufsleben nennt man das angehenden Burnout, hier wird es die intensive Schule des Lebens genannt ;).

Nach 4 Monaten sind wir physisch und psychisch sehr gewachsen, aber dennoch fühlen wir uns ausgebrannt und reif für eine Pause. Es trifft sich gut, dass wir schon in Neuseeland sind, einen Van zum Reisen haben und bloß einsteigen müssen, um einen Traumstrand nach dem anderen zu besuchen. Wir sagen unseren Gastgebern also, dass wir in 2 Wochen abreisen werden und sie sich einen “neuen” suchen müssen.

Warum nennen wir unsere Zeit in Ohui eigentlich Märchen?

Die Zeit hier war etwas besonderes. Definitiv. So schön, aber auch so ganz anders als erwartet, vorgestellt und beschrieben. Einerseits wurden einige Erwartungen geweckt und dann nicht eingehalten, wie z.B. andere Wwoofer, Teilnahme an bestimmten Kursen oder Gespräche über die Yogaphilosophie. Andererseits haben wir auch eine Umgebung erwartet, in der die Menschen in sich ruhen, die Abläufe geklärt sind und klar ist, was in nächster Zeit passieren wird. Tatsächlich werden wir eher damit konfrontiert, dass alles immer „im Prozess“ ist und sich jeden Tag etwas ändern kann. Jeder hat in seinem Leben Baustellen und irgendwie ist Ohui eine Umgebung, in der sie zu Tage treten. Dieses Aufeinandertreffen von Baustellen in der Organisation, der Familie, den ständig wechselnden Besuchern und natürlich von unseren eigenen, macht den Aufenthalt sehr anstrengend und wenig erholsam.

Werbe-Foto für die Sommersaison. Als Wwoofer muss man schon für so manches herhalten. Das hier wurde aber nicht genommen ;).

Wir dachten irgendwie, dass die entspannte Aura von Yogis einfach so auf uns abfärbt und wir uns abgucken können wie so ein Retreat Center am besten organisiert wird. Die Ironie dabei ist, dass wir schon einiges darüber gelernt haben. Aber auf jeden Fall nicht so wie wir das erwartet haben. Zum Beispiel wurde das “in sich ruhen” weniger durch eine Vorbild-Funktion vermittelt, sondern indirekt durch den häufigen Hinweis auf das Akzeptieren vom IST-Zustand. Zu viele Gedanken darüber wie etwas hätte laufen sollen oder geplant war, ändern nichts an der Situation. Sich ärgern, führt nur dazu, dass man sich aufregt. Da hilft nur akzeptieren, einen neuen Plan machen und weitergehen. Stolpern, aufstehen und weitermachen.

Lektionen im Aschram-Stil

Karma Yoga eignet sich hervorragend um herauszufinden wie man selbst und andere ticken. Die Aufgabe besteht daraus etwas für andere zu tun ohne eine Gegenleistung zu erwarten und dabei sich selbst und die eigenen Gedanken zu beobachten.

Einmal haben wir einen Karma-Yogi vom Schweige-Meditations-Wochenende gesehen, wie er beim Holz holen mit der vollen Schubkarre den Hügel zum Haus hoch rennt. Dabei hat keiner gesagt „Mach schnell, ohne eine Veranda randvoll mit Holz werden wir heute Abend frieren! Das muss unbedingt noch fertig werden!“ Das Gegenteil war der Fall, ich habe zu allen etwa gesagt: „Seid achtsam und entspannt. Beobachtet eure Gedanken und Bewegungen ganz genau. Kein Stress.“

Maria, Buff und Izzy freuen sich über den eigenen Strand.

Eine Besucherin erzählt beim abendlichen Austausch, dass sie etwas erschrocken ihre eigenen Gedanken beim Unkraut zupfen bemerkt hat. Sie war super exakt und hat alles mögliche raus gezupft, während nebenan die anderen weniger genau waren und dadurch aber auch wesentlich schneller erschienen. Niemand stand hinter ihnen und hat gesagt, dass sie etwas genauer oder besser machen sollen. Jede Leistung ist okay, weil es nicht um das Ergebnis geht. Sie hat sich aber einerseits über sich selbst geärgert, dass sie so langsam ist, und andererseits aber auch gemeint, dass sie den anderen am liebsten noch mal hinterher gegangen wäre. Dann wurde ihr das bewusst und sie konnte plötzlich darüber lachen, statt sich zu ärgern. Unsere Lehre daraus deckt sich mit dem was wir schon im Aschram in Perth gelernt haben. How you do anything, is how you do everything. Was übersetzt heißt, “Wie du irgendetwas machst, machst du alles.” Im Deutschen sagen wir vielleicht stattdessen “Wie im Kleinen so im Großen“. Es ist wichtig sich auch bei Kleinigkeiten Mühe zu geben, weil das eine Gewohnheit wird und die Art und Weise beeinflusst, wie wir größere Aufgaben bewältigen.

Noch ein Werbefoto für die Sommersaison, Maria meditiert mitten im nun heimischen südafrikanischen Dünen-Unkraut.

Eine andere wichtige Erkenntnis (Erkennt-nuss, für Insider!) kommt aus der häufigen Erinnerung an „Achtsamkeit“, durch die ich mich selbst immer wieder unter Beobachtung hatte. Eine der Lieblingsaufgaben in jedem Haushalt ist ja das Kloputzen, wie wir alle wissen. Eigentlich gibt es daran nichts zu meckern: es muss gemacht werden, es dauert nicht lange und jeder freut sich über einen sauberen Lokus. Die Tätigkeit an sich ändert sich nicht, egal wann und wie oft man es macht. Aber mal ist es im Handumdrehen erledigt, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, und ein anderes mal bin ich pissig, denke das ich es leid bin das Klo für andere zu putzen, es sowieso keine Sau bemerkt oder als wertvoll erachtet wird und, überhaupt, ich habe nicht 5 Jahre studiert, um unbezahlt am anderen Ende der Welt das Klo für Leute zu putzen, die ich nicht kenne. Bla bla bla. In so einem Kopf kann viel passieren. Das wichtige ist aber, dass die Gedanken an der Tätigkeit selbst nichts verändern. Wenn ich die Gedanken schweifen lasse und anfange alles zu bewerten, was vor mir liegt, ist es wahrscheinlich, dass das auch mal in die genervte oder selbstzerstörerische Richtung geht. Damit kann ich mir meinen Tag kräftig vermiesen. Letztendlich haben mir diese Situationen geholfen zu verstehen, dass es mehr darauf ankommt mit der Aufmerksamkeit genau bei dem zu sein, was vor mir liegt, als wo ich bin oder was ich gerade mache.

Ich denke, das beantwortet zum Teil auch die Frage, warum ich beim Arbeiten in meinem IT Job gemerkt habe, dass ich oft nicht zufrieden war. Auch wenn objektiv gesehen fast alles an den Arbeitsbedingungen und -Umgebung so war, wie ich es mir zu der Zeit vorgestellt habe. Ich war einfach oft mit den Gedanken woanders und das macht mich unglücklich. Gut, dass ich und du jetzt besser Bescheid wissen :).

Micha verrenkt sich bei feinstem "Winter"-Wetter im Garten vor dem Gästehaus im Garten.

Das war jetzt ein langer und doch noch viel zu kurzer Artikel, aber unsere Zeit in Ohui war sehr einprägsam und wird uns mit seinen Lektionen und Erkenntnissen noch eine Weile beschäftigen. Seit dem wir von dort wieder losgezogen sind, sind schon fast 4 Monate vergangen und trotzdem greifen wir das Thema immer wieder auf. Über Fragen und Anregungen freuen wir uns jederzeit, schreib uns einfach in den Kommentaren.

[:en]Ist doch so schön hier …

Zuerst mal zu den absolut wunderbaren Seiten von Ohui. Wir sind an einem wunderschönen Ort. Der Traum-Strand gehört quasi zum Grundstück und ist gerade mal fünf gemütliche Minuten durch die Dünen entfernt. Mal davon abgesehen, dass wir dort jedes Sandkorn für uns alleine haben, bekomme ich ein Surfbrett und sogar einen Neoprenanzug ausgeliehen. Ich kann also direkt von der Veranda aus überprüfen, ob die Wellen gut aussehen und dann einfach zum Surfen direkt runter zum Traumstrand für Surfer gehen. Bessere Lernbedingungen kann man kaum haben. 

Hier am Ende der Straße von Ohui gibt es nur Natur und Wellenrauschen. Die Hunde und Katzen laufen frei herum, das Wetter ist selbst im neuseeländischen Winter fast immer gut und wenn nicht, gibt es einen Platz vor dem wärmenden Kaminfeuer. 

Wir haben nach ein paar Startschwierigkeiten ständig Yoga, so viel sogar, dass wir uns bei der vielen körperlichen Arbeit schon mal überlegen, ob wir überhaupt hingehen. Über die Zeit sehen wir jedoch deutlich wie wir immer stärker und biegsamer werden und ich z. B., untypisch für über 30 ;), wieder mit gestreckten Beinen meine Zehen berühren kann. Wir spielen sogar beide schon mit dem Gedanken, das Ganze noch auszudehnen und eine Yogalehrerausbildung mitzumachen. 

Unsere Arbeits- und Lebensbedingungen sind auch ziemlich gut. Wir können meistens entspannt selbstständig arbeiten, autonom über die Einteilung der Arbeitszeit entscheiden und uns organisieren. Niemand sitzt uns ständig im Nacken. Solange das notwendige Minimum für die Gäste und Abläufe am Wochenende erfüllt wird, ist alles darüber hinaus extra. Es hängt also eigentlich nur von unserem Verständnis von Sorgfalt und Exzellenz ab und da wir (anscheinend) dazu tendieren über das Ziel hinauszuschießen, lassen sie uns gerne einfach machen.

Trotz der vergleichsweise höheren Zahl von Arbeitsstunden als normalerweise beim Wwoofing haben wir insgesamt mehr Zeit als wenn wir in unserem Van leben würden. Unsere Aufgaben entwickeln sich über die Zeit auch mehr in die Richtung, dass unsere Kenntnisse zur Geltung kommen und wir uns weiter entfalten können. Siehe dazu Teil 2.

Letztendlich waren das die wichtigsten Gründe, warum wir nicht nur nach den ersten 2Wochen, sondern auch nach 2 Monaten noch mal auf insgesamt 4,5 Monate verlängert haben. Wir konnten uns einfach keinen besseren Ort vorstellen, der uns das alles bietet, dafür aber weniger Opfer verlangt. 

Warum entscheiden wir uns also dann nach Ende Oktober nicht noch länger zu bleiben, um bei der anstehenden einmonatigen Level 2 und 3 Yogalehrerausbildung dabei zu sein oder über die traumhaften Frühlings- und Sommermonate diesen Ort mit mehr mutmaßlich inspirierenden Menschen zu verbringen?

… oder doch nicht?

Schon am Anfang kamen einige Unstimmigkeiten auf und die summierten sich mit der Zeit, bis wir entscheiden, dass sie die schönen Dinge nicht mehr aufwiegen und wir für unser Seelenheil lieber gehen und einen anderen Weg suchen müssen. 

Eine Kleinigkeit ist z.B. die Essenssituation. Wir bekommen ausreichend zu essen, vor allem am Wochenende wird für uns gekocht und das auch sehr gut. Über die Woche haben wir da freie Hand, aber weil die Lebensmittel unregelmäßig eingekauft und Wünsche und Einkaufszettel eher vergessen als beachtet werden, ist die Auswahl an Gerichten meistens eingeschränkt. Wer schon mal über Wochen das immer gleiche Essen gegessen hat, wird das Gefühl kennen, das aufkommt, wenn der faule “Koch” vorschlägt doch einfach, wie letzte Woche auch schon, die Reste vom Wochenende aufzutauen. Super lecker Curry und Dal wird ziemlich fad, wenn man wochenlang nur die Auswahl aus Curry oder Dal und zwar frisch oder aufgetaut hat. Wenn sich dann auch noch unsere “Managerin” aus Langeweile jeden Wochentag die Aufgabe des Mittagessens unter den Nagel reißt und eines ihrer uninspirierten drei Gerichte kocht, hängt uns Kochfetischisten das Essen zum Halse raus. Die Hauptaufgabe von Essen ist zwar das “Ernähren”, aber das zu akzeptieren, ist eine Scheißlektion fürs Leben und trägt nicht gerade zur Gesamtzufriedenheit bei.

Das zweite ist der Umgang mit uns als Wwoofern bzw. als Teil der Familie. Wir haben uns insgesamt nicht als Aspiranten im Aschram gesehen, wie ich schon im letzten Artikel beschrieben habe. Da wir über die Wwoofing und Freiwilligenarbeit hierher gekommen sind, haben wir auch nicht nur die Erwartung etwas neues zu lernen und mitzuhelfen, sondern wir wollen einen Kulturaustausch. Dazu gehört für uns vor allem näher an die Menschen heran zu wachsen, die uns umgeben und damit natürlich auch ein gegenseitiges Interesse an Gedanken, Gefühlen und Geschichten. Vor allem die Gegenseitigkeit und die Tiefe von Gesprächen hat uns zunehmend gefehlt. Die Familie war genug mit sich selbst beschäftigt und wenn Gespräche zustande kamen, dann nur, weil wir nachgebohrt haben. Amrit als einzige dauerhafte Mitstreiterin hat deutlich gemacht, dass sie neben ihrer Arbeit als Managerin keinen sozialen Kontakt sucht und deswegen hat jedes Gespräch mit ihr deutlich mehr Energie verbraucht als es gegeben hat. Übrig bleiben da noch die Gäste und die haben bei den kurzen Wochenenden immer reichlich Programm und dadurch genug – sich immer wiederholenden – Gesprächsstoff. Für etwas abseits davon gab es wenig Raum, auch wenn wir manchmal gute kurze Gespräche mit sehr interessanten Menschen hatten. Alles in allem haben wir uns dadurch mit der Zeit immer mehr alleine gefühlt, vor allem weil wir in dieser Blase vom Aschram gelebt haben und wenig Zeit zum rauskommen hatten. Da hilft es auch nicht, wenn es so gesehen wird, dass wir super froh sein können überhaupt hier leben und lernen zu können. Kritik stößt auf taube ohren und wird als Jammern auf hohem Niveau gesehen. Das führt jedoch dazu, dass bei uns der Eindruck zunimmt nur günstige Hilfskräfte zu sein.

Zuletzt war für unsere Entscheidung zu gehen, zusätzlich zum fehlenden Austausch und Interesse, noch etwas anderes ausschlaggebend. Ohui ist als Retreat für die meisten Gäste eine Zuflucht und sie kommen her, weil sie etwas in ihrem Alltag vermissen oder von etwas eine Pause brauchen. Die meisten sagen, dass sie sich einfach mal um sich selbst kümmern wollen, Zeit zum Nachdenken brauchen, Gleichgesinnte treffen und ent-”spannen” wollen. Sie kommen also fast immer Freitagnachmittag gespannt her und gehen Sonntag wieder gelassener. Es ist schön, dass es für die Gäste funktioniert und für uns ist es befriedigend zu sehen, dass wir einen Teil dazu beitragen können. Letztendlich haben wir aber bemerkt, dass sie diese Spannung irgendwo lassen müssen und alle, die das Retreat betreuen, wie ein Puffer oder Schwamm dafür sind. Nach dem Wochenende brauchen wir jedes Mal ein paar Tage, um wieder runterzukommen und innerlich ausgeglichen und gelassen zu werden. Im Prinzip ist das eine gute Spielwiese, um für Spannung, Stress und unvorhergesehene Situationen eigene Lösungsstrategien zu entwickeln. Über die Zeit sehen wir aber, dass das alles von uns mehr Energie zehrt als wir in der kurzen Zeit schaffen zu regenerieren. Im Berufsleben nennt man das angehenden Burnout, hier wird es die intensive Schule des Lebens genannt ;).

Nach 4 Monaten sind wir physisch und psychisch sehr gewachsen, aber dennoch fühlen wir uns ausgebrannt und reif für eine Pause. Es trifft sich gut, dass wir schon in Neuseeland sind, einen Van zum Reisen haben und bloß einsteigen müssen, um einen Traumstrand nach dem anderen zu besuchen. Wir sagen unseren Gastgebern also, dass wir in 2 Wochen abreisen werden und sie sich einen “neuen” suchen müssen.

Warum nennen wir unsere Zeit in Ohui eigentlich Märchen? 

Die Zeit hier war etwas besonderes. Definitiv. So schön, aber auch so ganz anders als erwartet, vorgestellt und beschrieben. Einerseits wurden einige Erwartungen geweckt und dann nicht eingehalten, wie z.B. andere Wwoofer, Teilnahme an bestimmten Kursen oder Gespräche über die Yogaphilosophie. Andererseits haben wir auch eine Umgebung erwartet, in der die Menschen in sich ruhen, die Abläufe geklärt sind und klar ist, was in nächster Zeit passieren wird. Tatsächlich werden wir eher damit konfrontiert, dass alles immer „im Prozess“ ist und sich jeden Tag etwas ändern kann. Jeder hat in seinem Leben Baustellen und irgendwie ist Ohui eine Umgebung, in der sie zu Tage treten. Dieses Aufeinandertreffen von Baustellen in der Organisation, der Familie, den ständig wechselnden Besuchern und natürlich von unseren eigenen, macht den Aufenthalt sehr anstrengend und wenig erholsam.

Wir dachten irgendwie, dass die entspannte Aura von Yogis einfach so auf uns abfärbt und wir uns abgucken können wie so ein Retreat Center am besten organisiert wird. Die Ironie dabei ist, dass wir schon einiges darüber gelernt haben. Aber auf jeden Fall nicht so wie wir das erwartet haben. Zum Beispiel wurde das “in sich ruhen” weniger durch eine Vorbild-Funktion vermittelt, sondern indirekt durch den häufigen Hinweis auf das Akzeptieren vom IST-Zustand. Zu viele Gedanken darüber wie etwas hätte laufen sollen oder geplant war, ändern nichts an der Situation. Sich ärgern, führt nur dazu, dass man sich aufregt. Da hilft nur akzeptieren, einen neuen Plan machen und weitergehen. Stolpern, aufstehen und weitermachen.

Lektionen im Aschram-Stil

Karma Yoga eignet sich hervorragend als Menschenstudie. Schon um sich selbst besser kennenzulernen, ist die Aufgabe etwas für andere zu tun ohne eine Gegenleistung zu erwarten und dabei sich selbst und die eigenen Gedanken zu beobachten, eine gute Gelegenheit.

Einmal haben wir einen Karma-Yogi vom Schweige-Meditations-Wochenende gesehen, wie er beim Holz holen mit der vollen Schubkarre den Hügel zum Haus hoch rennt. Dabei hat keiner gesagt „Mach schnell, ohne eine Veranda randvoll mit Holz werden wir heute Abend frieren! Das muss unbedingt heute fertig werden!“ Das Gegenteil war der Fall, ich habe zu allen etwa gesagt: „Seid achtsam und entspannt. Beobachtet eure Gedanken und Bewegungen ganz genau. Kein Stress.“ 

Eine Besucherin erzählt beim abendlichen Austausch, dass sie etwas erschrocken ihre eigenen Gedanken beim Unkraut zupfen bemerkt hat. Sie war super exakt und hat alles mögliche raus gezupft, während nebenan die anderen weniger genau waren und dadurch aber auch wesentlich schneller erschienen. Niemand stand hinter ihnen und hat gesagt das sie etwas genauer oder besser machen sollen. Jede Leistung ist okay, weil es nicht um das Ergebnis geht. Sie hat sich aber einerseits über sich selbst geärgert, dass sie so langsam ist, und andererseits aber auch gemeint, dass sie den anderen am liebsten noch mal hinterher gegangen wäre. Dann wurde ihr das bewusst und sie konnte plötzlich darüber lachen, statt sich zu ärgern. Unsere Lehre daraus deckt sich mit dem was wir schon im Ashram in Perth gelernt haben. How you do anything, is how you do everything. Was übersetzt heißt, “Wie du irgendetwas machst, machst du alles.” Im Deutschen sagen wir vielleicht stattdessen “Wie im Kleinen so im Großen“. Es ist wichtig sich auch bei Kleinigkeiten Mühe zu geben, weil das eine Gewohnheit wird und die Art und Weise beeinflusst, wie wir größere Aufgaben bewältigen.

Eine andere wichtige Erkenntnis (Erkennt-nuss, für Insider!) kommt aus der häufigen Erinnerung an „Achtsamkeit“, durch die ich mich selbst immer wieder unter Beobachtung hatte. Eine der Lieblingsaufgaben in jedem Haushalt ist ja das Kloputzen, wie wir alle wissen. Eigentlich gibt es daran nichts zu meckern: es muss gemacht werden, es dauert nicht lange und jeder freut sich über einen sauberen Lokus. Die Tätigkeit an sich ändert sich nicht, egal wann und wie oft man es macht. Aber mal ist es im Handumdrehen erledigt, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, und ein anderes mal bin ich pissig, denke das ich es leid bin das Klo für andere zu putzen, es sowieso keine Sau bemerkt oder als wertvoll erachtet wird und, überhaupt, ich habe nicht 5 Jahre studiert, um unbezahlt am anderen Ende der Welt das Klo für Leute zu putzen, die ich nicht kenne. Bla bla bla. In so einem Kopf kann viel passieren. Das wichtige ist aber, dass die Gedanken an der Tätigkeit selbst nichts verändern. Wenn ich die Gedanken schweifen lasse und anfange alles zu bewerten, was vor mir liegt, ist es wahrscheinlich, dass das auch mal in die genervte oder selbstzerstörerische Richtung geht. Damit kann ich mir meinen Tag kräftig vermiesen. Letztendlich haben mir diese Situationen geholfen zu verstehen, dass es mehr darauf ankommt mit der Aufmerksamkeit genau bei dem zu sein, was vor mir liegt, als wo ich bin oder was ich gerade mache. 

Ich denke, das beantwortet zum Teil auch die Frage, warum ich beim Arbeiten in meinem IT Job gemerkt habe, dass ich oft nicht zufrieden war. Auch wenn objektiv gesehen fast alles an den Arbeitsbedingungen und -Umgebung so war, wie ich es mir zu der Zeit vorgestellt habe. Ich war einfach oft mit den Gedanken woanders und das macht mich unglücklich. Gut, dass ich und du jetzt besser Bescheid wissen :).

Das war jetzt ein langer und doch noch viel zu kurzer Artikel, aber unsere Zeit in Ohui war sehr einprägsam und wird uns mit seinen Lektionen und Erkenntnissen noch eine Weile beschäftigen. Seit dem wir von dort wieder losgezogen sind, sind schon fast 4 Monate vergangen und trotzdem greifen wir das Thema immer wieder auf. Über Fragen und Anregungen freuen wir uns jederzeit, schreib uns einfach in den Kommentaren.

 

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2 Kommentare

  1. Hi zusammen,
    guter Artikel! ‚So wie Du irgendwas machst, machst Du alles‘ hat ein richtiges Aha-Erlebnis bei mir ausgelöst. Danke dafür. Manchmal muß man nicht mal ins Ashram fahren. Euch noch eine gute Zeit und frohes Surfen, beneide Euch um Eure neugewonnene Biegsamkeit!

  2. Hallo ihr zwei Reisende, schön wieder von euch zu hören und schön, dass ihr so viel Zeit habt, euer Leben aus diesem Blickwinkel des Lebensstils zu betrachten. Man könnte es fast Urlaub for ever nennen, aber wenn ich diesen Artikel so lese, dann kommt bei mir so ein wenig das Gefühl auf, dass ihr an einem wichtigen Punkt angekommen seit. Ihr beschäftigt euch wieder sehr intensiv mit der Frage „War‘s das schon und was kann nun noch kommen?“ Ich glaube, dass jeder mal in solch eine Situation kommt. Und ihr habt es erst einmal wieder richtig gemacht. Sachen gepackt und los geht’s zur nächsten Lebenserfahrung. Bin gespannt wie ihr wieder aus diesem kleinen Tief herauskommt. Habe aber die Hoffnung, ihr packt das schon. Ich habe viel Feude beim Lesen eurer Erfahrungen, die mir wohl in meinem derzeitigen Leben nicht mehr vergönnt sind. Habt viel Spaß bis zum nächsten Block. Und darüber hinaus.

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