Micha: 10 Tage Schweigen oder Sitzen kann sehr anstrengend sein

Erwartet nichts und bekommt alles. So in etwa wird einem über Meditation im Allgemeinen und über das Retreat im Speziellen geraten. Meditation ist nichts, was man erreicht oder nachdem man streben soll. Es soll eher mal eine Möglichkeit sein sich besser kennenzulernen bzw. Zeit für sich zu nehmen und das unabhängig von allen Erwartungen.

Für ein besseres Verständnis meiner Erfahrungen, lest ihr am besten erstmal die Rahmenbedingungen zum Retreat.

Ich bin also an das Retreat in Suan Mokkh mit wenig Erwartungen rangegangen und wollte es als Möglichkeit nutzen etwas Ruhe zu finden, mich im Meditieren zu üben und nebenbei etwas über Buddhismus zu erfahren. Durch das Schweigen von mir und den Leuten um mich herum, habe ich außerdem erwartet, dass auch in meinem Kopf mehr Ruhe entsteht und ich mich beim Meditieren besser konzentrieren kann.

Pustekuchen.

Wenn „die Welt“ um mich herum ruhiger und leiser wird, geht die Show in meinem Kopf erst richtig los. In manchen Büchern wird das Durcheinander von Gedanken mit einem wilden Affen verglichen, der im Kopf ständig von einer Seite zur anderen springt. Ich habe durch die Ruhe erst verstanden, was damit gemeint ist und meinen Affen ganz gut kennenlernen dürfen.

Das Retreat in der Klosteranlage bietet dazu eine gute Umgebung. Schon beim Ankommen auf dem Gelände des Hauptkloster war klar, dass die Mönche und Nonnen das nicht das erste mal veranstalten. Wir wurden sofort angesprochen, ob wir zu dem Retreat wollen und dann wurde uns unter anderem erklärt, wie wir zu dem eigentlichen Retreat-Gelände kommen. Dort wurden wir routiniert eingewiesen und haben uns schnell eingerichtet. Ab der Ankunft auf dem Gelände war klar, dass Frauen und Männer getrennt voneinander „gehalten“ werden. So haben wir nur noch ein kleinen Rundgang zusammen gemacht und uns dann in die 10 Tage Schweigen bzw. nur Anlächeln verabschiedet.

Das Schweigen war für mich kein Problem. Es fiel mir sogar erstaunlich leicht nicht zu reden. Das hat mir eher mehr Energie gegeben mich auf die anderen Teilnehmer und meine Umwelt zu konzentrieren. Trotzdem habe ich versucht den Hinweis einer langjährigen Helferin vom ersten Tag zu befolgen. Sie meinte auf die Frage, ob man die anderen anschauen, anlächeln oder mit ihnen nonverbal kommunizieren darf, dass das völlig in Ordnung ist und ein Lächeln schon vielen über die teils schweren ersten Tage geholfen hat. Dennoch ist sie eher der Meinung, dass man nicht zu dem Retreat kommt, um Freunde zu finden, sondern um Zeit für sich selbst zu haben. Deswegen versucht sie normalerweise möglichst wenig auf die anderen zu achten und mit ihnen zu kommunizieren, egal auf welche Weise. Das führt nämlich nur dazu, dass man mit seinen Gedanken wieder woanders ist als im „Hier und Jetzt“ und sich z.B. über andere aufregt oder auch nur fragt, was in ihnen vorgeht.

Dennoch ist mir immer wieder der Spruch „man kann nicht nicht kommunizieren“ durch den Kopf Gedanken, wenn ich wieder mal die anderen beobachtet habe. Ich fand es nämlich äußerst spannend, wie man andere Menschen kennenlernen kann, ganz ohne mit ihnen zu sprechen. Und ganz nebenbei war es teilweise sehr unterhaltsam Menschen mit ihren Marotten zu erfahren.

Ich erinnere mich z.B. an die Besuche der heißen Quellen, die ja zum Entspannen gedacht waren und auch dass das von einigen sehr ernst genommen wurde. Die Umgebung dort war sehr still, denn es redet ja niemand und es krächzt höchstens mal ein Gecko oder eine der Millionen Mücken schwirrt einem um die Ohren. Genau dort fallen dann Leute sehr auf, die in den Quellen nicht nur sitzend verweilen, sondern tauchen, prusten und dann so lustvoll stöhnen, dass ich mich gefragt habe, was es denn dort unter Wasser alles zu sehen geben muss.

Genauso fallen Leute auf, die sich ständig von der Gruppe absetzen und dann nicht an ruhigen abgeschiedenen Plätzen niederlassen, sondern sich sehr offensichtlich direkt neben der Halle mit großem Getöse platzieren, in der gerade alle sitzen, meditieren oder einem Vortrag lauschen. Seltsamer wird es noch, wenn genau diese Leute dann beim Essen immer die ersten sind und sich neben übervollen Schüsseln auch noch als erste und schnellste 5 Stücke Papaya nehmen. Und noch seltsamer, wenn sie das nach mehrmaligen Hinweisen von den Mönchen immer noch machen. Dann müssen die anderen eben schneller sein. Naja, wieder andere probieren während der stillen Gruppenmeditation als einzige mehrere Minuten lang aus, wie sich tiefe, intensive und deutlich hörbare Atemzüge auf den Körper auswirken.

Aber so ist das, es gibt eben immer irgendetwas. Für mich gab dieses Verhalten den Anstoss darüber nachzudenken, welche Macken ich habe und dass ich lernen muss nicht alles so ernst und irgendwie gegen mich gerichtet zu nehmen. Manche Menschen sind einfach dämlich. So wie ich die Millionen Mücken akzeptieren musste, muss ich auch lernen, dass nicht immer alles so laufen kann oder Menschen so sein können, wie ich es mir vorstelle.

Zum Beispiel haben mich unerwartet neben äußeren Ablenkungen vor allem Rückenschmerzen vom Meditieren abgehalten. Mir tat während der 10 Tage fast die ganze Zeit mein Rücken weh, so dass ich mich kaum wirklich lange Zeit auf das Meditieren konzentrieren konnte. Ständig hatte ich damit zu kämpfen, dass ich zu angespannt war und dann versucht habe über das „richtige“ Atmen diese Spannung los zu werden oder über irgendwelche Verdrehungen und Auf- und Abbewegungen mir Erleichterung zu verschaffen.

Bei der Gehmeditation habe ich während des Retreats langsam verstanden, wie viel ich über die Atmung in meinem Rücken erreichen kann. Dabei war das Konzentrieren auf die einzelnen Bewegungen beim Gehen gar nicht so wichtig, viel mehr war es die Kombination der Atmung im Einklang mit den Bewegungen. Also dem sehr bewussten Einatmen und Anspannen beim Heben des Fußes und dem dann sehr bewussten und langen Ausatmen und Entspannen der Muskulatur in Brust, Bauch, Schulter und vor allem im Rücken beim Absetzen des Fußes. Ab etwa dem fünften Tag wusste ich auch, was unser Tai Chi Lehrer mit dem unsagbar oft wiederholten „Let go your tension habit“ eigentlich meint. Schön loslassen, und zwar alles. Das hat dann beim Gehen ganz gut geklappt, deswegen fand ich auch die „Geh-Pausen“ zwischen den Sitzmeditationen sehr gut. Leider hatte ich beim Sitzen kurze Zeit später trotz intensiven und bewussten „Loslassen“ nie das Gefühl endlich entspannt sitzen zu können.

Wenn ich mich beim Meditieren im Sitzen dann doch mal ein paar Minuten auf den Atem konzentrieren konnte, begann der Kampf mit dem Affen in meinem Kopf („monkey mind“). Mich länger als 2-3 Atemzüge nur auf den Atemvorgang zu konzentrieren, also ganz bewusst zu beobachten und nachzuspüren wie die Luft rein und raus geht, war mir schlicht unmöglich. Meine Gedanken sprangen ständig hin und her, so dass ich richtiggehend überwältigt war. Natürlich war mir klar, dass Meditation letztlich zu einem wichtigen Teil erstmal daraus besteht, wahrzunehmen, dass die Gedanken kommen, und sie dann entspannt los zu lassen. Eine Kunst für sich ist es trotzdem. Viel weiter bin ich also in den Konzentrationsübungen gar nicht gekommen.

Gern hätte ich auch nicht erst am letzten Abend beim Sharing erfahren, dass es neben der Konzentration auf den Atem (Anapanasati) auch völlig in Ordnung ist, sich auf einen bestimmten Gedanken einzulassen und eben diesen als Mittelpunkt der Übung zu verwenden. Dass man dann zum Beispiel versucht, eine bestimmte Situation noch mal in allen Details in Gedanken durchzuspielen, ohne sich dabei von anderen Gedanken ablenken zu lassen, wusste ich gar nicht. Das habe ich nämlich immer wieder unbewusst für eine längere Zeit gemacht, dann aber eine Art „schlechtes Gewissen“ bekommen und mich wieder auf den „blöden Atem“ konzentriert. Diese „Freude“ über den Atem war dann nicht sonderlich hilfreich und ich habe mich damit eher im Kreis gedreht. Aber gut, das Retreat ist eben ein Kurs für Anapanasati-Meditation.

Zusammengefasst, war das Retreat eine spannende Erfahrung. Auch wenn ich unerwarteterweise eher mit körperlichen statt mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte, möchte ich sie nicht missen. Ich kann nur jedem empfehlen sich mal so viel Zeit für sich zu nehmen, egal ob in diesem oder einem anderen Retreat.

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